Hilfe aus Lüdenscheid für die Opfer der grausigen Blutrache

Von Julia Chodkowska

Im August flogen sechs Lüdenscheider als freiwillige Helfer für eine Woche nach Albanien, um an der Renovierung einer geplanten Grundschule mitzuwirken. Die Schule soll hauptsächlich Kindern aus Familien die von der Blutrache betroffen sind, ein geschütztes Lernumfeld bieten. Bei einer Temperatur von 35 Grad im Schatten, arbeiteten die Lüdenscheider 14 Stunden täglich um ihr Ziel zu erreichen.

Das Phänomen der Blutrache ist in Albanien und insbesondere in der Stadt Shkodra ein aktuelles Problem. Bei der Blutrache handelt es sich um eine Form der Sühnung von Verbrechen bei der Tötungen gerächt werden. Die Familie des Ermordeten rächt sich an der Familie des Täters indem sie das „meist geliebte“ männlichen Familienmitglied ermordet. Dabei muss es sich nicht um den Täter selbst handeln. Die Blutrache wird nach dem mündlich überlieferten albanischen Gewohnheitsrecht, dem sogenannten Kanun praktiziert. Gemäß dem Kanun ist das Haus ein heiliger Ort der von den „Rächern“ nicht betreten werden darf. Daher sind die Betroffenen meist gezwungen sich jahrelang in ihren eigenen vier Wänden zu verstecken. Dieser enorme psychische Druck lastet nicht nur auf dem Betroffenen selbst, sondern auf dessen ganzer Familie. Folgen sind Depression und nicht zuletzt häusliche Gewalt. Opfer dieses Phänomens sind vor allem die Kinder der Familien. Durch den Zustand bekommen diese selten die nötige Unterstützung in schulischen Angelegenheiten und leben einen von Gewalt geprägten Alltag.

Es werden zwar lediglich ein bis zwei Blutrache-Morde pro Jahr in Shkodra registriert. Die Dunkelziffer liegt jedoch bei weitem höher. Ursache dafür ist das viele Familien den Mord nicht melden und es vorziehen nach dem Kanun zu handeln.

Elona Prroj ist Pastorin und hat es sich zur Lebens Aufgabe gemacht den betroffenen Familien beizustehen und aufzuklären. Als ihr Mann vor sieben Jahren aufgrund der Blutrache auf offener Straße erschossen wurde, für einen Mord den ein entfernter Verwandter begangen hatte, setzte Elona seine Pläne einer Stiftung zur Unterstützung der von der Blutrache betroffenen Familien in die Tat um. Sie gründete die Stiftung „Nein zur Blutrache – Ja zum Leben“  welche heute 50 Familien mit geistiger, psychologischer und materieller Hilfe unterstützt. Da Elona am eigenen Leib erfahren hat  was die Familien durchmachen müssen, kann Sie die Sorgen dieser verstehen und die richtige Hilfe anbieten. „Nachdem mein Mann ermordet wurde, begann ich mein Psychologie Studium. Ich wollte besser verstehen was in mir und meiner Familie vorgeht. Aber ich wollte auch im Stande sein den Familien die das gleiche Schicksal erleiden müssen zu helfen. Ich habe bereits mit über 100 Familien die von der Blutrache betroffen sind gesprochen. Fundamentale Auslöser des Problems sind: fehlende Aufklärung und mangelnde Bildung. Es ist wichtig diese Bereiche zu optimieren um das Problem auf lange Sicht zu lösen.“ Der Kontakt zu Lüdenscheid entstand durch Sonja Abazi. Sie ist Mitglied der evangelischen Gemeinde in Albanien und beantragte vor einigen Jahren Asyl in Lüdenscheid. Hier machte Sonja die evangelische Kirchengemeinde Oberrahmede auf die Stiftung „Nein zu Blutrache – Ja zum Leben“ aufmerksam. Nachdem Sie und ihre Familie zurück nach Albanien abgeschoben wurde, entstand die Idee eine Schule zu eröffnen. „Ziel ist es einen Ort zu schaffen an dem vor allem die Kinder nicht nur physische aber auch emotionale Geborgenheit finden.“ so Elona. Die staatlichen Schulen in Shkodra seien überfüllt und der Einsatz von Gewalt durch Lehrer sei normaler Schulalltag, so Sonja. Die geplante Grundschule soll moderne Unterrichtsmethoden und Ganztagsbetreuung anbieten.

Dank des organisatorischen Einsatzes auf Seiten Lüdenscheids durch Horst Beste, wurden zahlreiche Spenden gesammelt wie: Tafeln, Computer, Schreibutensilien, Tische und Stühle. Sonja Abazi managte das Projekt während dessen in Albanien. Ein passendes Gebäude war binnen drei Monaten gefunden.

Im August flogen dann sechs lüdenscheider Handwerker nach Shkodra um Heizung, Elektrizität und Licht zu installieren. Eine Woche arbeiteten Horst Beste, Kalle Kowalski, Michael Weiland, Rahim Fard, Günther  und Wilhelm Kebernik  bei Temperaturen von bis zu 40 Grad unentgeltlich. Die Arbeiten verliefen jedoch nicht ganz reibungslos. Bei den 60 Zentimeter dicken Bruchstein Mauern gab der Bohrer den Geist auf. Leitern und Gerüst fehlten. Doch dank der albanischen Helfer wurde für alle Hindernisse eine Lösung improvisiert. Neue Lampen, Schalter und Steckdosen wurden installiert, importiert aus der Stadt des Lichts versteht sich. Vierzehn Stunden täglich werkten Groß und Klein an dem Projekt.

Nach sieben Tagen war dann alles gemeistert was sich die sechs vorgenommen haben. Lediglich eine Druckerhöhungspumpe wird noch gebraucht.

Es fehlen  die vom Staat neu eingeführten Lizenzen die für die Lehrer nötig sind.

Einige Schönheitsarbeiten stehen auch noch an bevor die Schule Anfang nächsten Jahres endgültig ihre Pforten öffnet. Insgesamt sollen fünf Klassen entstehen bestehend aus jeweils zwanzig Schülern. Ganz im Gegensatz zu den staatlichen Schulen in Albanien, soll den Schülern ein umfangreiches Angebot an kreativen Tätigkeiten wie das erlernen eines Instruments und diverse Sportarten offeriert werden. Unterricht ist nicht nur für die Schüler vorgesehen, auch die Lehrer sollen regelmäßig weitergebildet werden. „Das Projekt ist eine Herausforderung aber ich kann es kaum erwarten die strahlenden Gesichter der Kinder zu sehen wenn es fertig ist. Wir sind alle sehr dankbar für die selbstlose Hilfe aus Lüdenscheid.“ so Sonja. Die Schule wird den Namen „Future Generation“ erhalten, also Generation der Zukunft. Auf dass Bildung die zukünftige Generation von den Zwängen der Blutrache befreit.

Sie können das Projekt mit einer Spende unterstützen. Die Kontodaten lauten:

Kinderhilfe Mongolei-Albanien

IBAN DE98 4585 0005 00004 16883

BIC WELADED1LSD

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